Als Hausaufgabe für seinen dreiwöchigen Urlaub gab mir mein Therapeut auf, ich solle mit meinem inneren Kritiker reden.
Zuvor hatte er mir von einem Tennislager erzählt, an dem er vor einigen Jahren teilnahm. Da wurde mehr auf die mentalen Aspekte von Tennis eingegangen, als auf das Spiel selbst. Der innere Kritiker, beliebter Störer in Turnieren, wurde “Charlie” genannt und mit einfachen Mitteln zum Schweigen gebracht.
Charlie. Wie witzig. Der unsichtbare Freund meiner Kindheit hiess auch so. Benannt nach einem Onkel, den ich sehr mag.
Mein unsichtbarer… äh, mein innerer Kritiker, der sitzt gemütlich auf meiner rechten Schulter und sieht aus wie ein Leprechaun, ein irischer Kobold.
Einen eigenen Namen hat er bisher noch nicht, immerhin sieht er lustig aus. Und er ist verdammt gut mit seinen giftigen Kommentaren über mein Leben.
Seine fiese kleine Stimme erzählt mir, wie seltsam es doch sei, mit 30ig nur eine richtige Beziehung vorweisen zu können, die erst noch nur zwei Jahre gedauert hat. Dass ich wohl eh niemanden mehr abbekomme, weil ich mit den anderen Dreissigjährigen nicht mithalten kann. Die haben ihre Ausbildung beendet und jetzt gute Jobs, während ich an meinem Studium bin und am Existenzminimum lebe. (Wohlgemerkt, ich würde mich nie als arm bezeichnen, auch wenn ich gerne mit “arme Studentin” kokettiere. Das Geld reicht. Ich kann keine grossen Sprünge machen und muss mich einschränken, aber ich kann mir durchaus neue Kleider oder Schuhe kaufen, wenn ich die benötige, und ich muss auch nicht am Hungertuch nagen. Sogar ein Städtetrip liegt ab und zu mal drin.)
Am allerliebsten reitet er darauf herum, wie unnormal es sei, dass ich mit meinem Leben zufrieden bin. Und keine konkreten Ziele habe, ausser mein Studium abzuschliessen. Das könne ja wohl nicht sein, ich müsse klare Zeitpläne haben, jetzt schon wissen was ich nach dem Studium und bis zur Pensionierung mache. Und ein Leben, pha, das sei ja wohl armselig.
Der Kobold ist also eine richtige Nervensäge. Und die zwei letztgenannten Sprüche geben mir tatsächlich oft zu denken.
Vor ein paar Tagen bestellte ich mir auf Exsila ein Buch über Zen. Ich mag die Serie “Life”, und deren Protagonist Charlie Crews zitiert dauernd Zen-Weisheiten.
“Zen im Alltag” von Charlotte Joko Beck kam also und ich begann zu lesen. Schon auf den ersten paar Seiten ging mir etwas auf: Vielleicht ist das ja gar kein Makel, mit seinem Leben zufrieden zu sein und gar keine grossen Pläne und Ambitionen zu haben. Denn Zen hat genau dieses Ziel: Das Leben im Augenblick und die Akzeptanz dessen, was ist. (Zumindest habe ich das bisher so verstanden.)
Und so einfach ist etwas, das ich schon so lange als Makel empfinde, zu einer Stärke geworden.
Nicht, dass ich mich jetzt für den Inbegriff von Zen halte *lach*. Es tat einfach gut, eine andere Sichtweise kennen zu lernen. Natürlich sind Zukunftspläne wichtig und sinnvoll, Altersvorsorge sollte man mit einer Lebenserwartung von 85ig wirklich nicht vernachlässigen. Aber es bringt auch nichts, mich über meine Situation aufzuregen, wo ich sie ja sowieso nicht mit einem Fingerschnippen ändern kann. So wie es ist, so ist es gut. Und wenn das einem anderen Menschen oder dem grünen Giftzwerg auf meiner Schulter nicht passt, ist das deren Problem.
17. Juli 2009 | Kategorie:
dark me