Psychologiestudium, Psychologen, Psychiater und der Rest
Ab und zu lerne ich neue Leute kennen, bei denen etwas Unangenehmes passiert: Ich erwähne mein Psychologiestudium und sie bekommen einen ängstlichen Blick. Manchmal gefolgt von dem Kommentar: “Oh, dann muss ich ja jetzt aufpassen, was ich sage!”
Um das klar zu stellen: Ich bin keine Therapeutin. Ich kann niemanden analysieren, zumindest nicht mehr, als das jeder mit gesundem Menschenverstand kann.
Um weitere Irrglauben rund um das Thema Psychologiestudium, Psychologen und Psychiater auszuräumen, hier ein paar Erklärungen. Sie sind nach bestem Wissen zusammengestellt, sollte jemand einen groben Fehler entdecken, bin ich für eine Berichtigung dankbar. Der Text wird auch gerne um weitere Erklärungen ergänzt, wenn weitere Fragen auftauchen.
Das Psychologiestudium
Es umfasst an der Universität Zürich fünf Jahre, davon drei Jahre Bachelor und zwei Jahre Master. Da es für das Studium keinen Numerus Clausus gibt, der bereits vor Studienantritt alle “ungeeigneten” Kandidaten assortiert, werden die ersten zwei Semester als Assessmentjahr bezeichnet. In dieser Zeit muss eine enorm grosse Menge Stoff gelernt werden, besondere Knackpunkte sind dabei Statistik (kompliziert) und Biopsychologie (sehr viel Stoff). Von durchschnittlich 600 Erstsemestrigen bleiben anschliessend nur noch ca. 230 übrig.
Eine universitäre Ausbildung hat zum Ziel, den Studierenden zum Forscher auszubilden. Ein wichtiger Teil ist daher ein Bereich, in den Statistik, Testtheorie und Methodenlehre fallen. Mit Hilfe dieser Fächer ist es dem Psychologiestudierenden möglich, selbst zu forschen. Warum nun Statistik und Testtheorie? In der Psychologie werden sehr viele Tests verwendet. Die bekanntesten sind die IQ-Tests, es gibt aber auch welche zur Abklärung von psychischen Krankheiten, zum Wissensstand eines Kindes, Persönlichkeitstests etc. Ein Psychologe wird irgendwann beurteilen können, ob ein IQ-Test tatsächlich die Leistung eines Menschen oder nur dessen Kopfumfang miss und er wird mit den Zahlen, die durch das Statistikprogramm ausgegeben werden, diese Leistung auch beurteilen können.
Andere Bereiche beinhalten den Körper (z.B. Gehirnstruktur und Hormonsysteme), Entwicklungsverläufe von Kindern, Erwachsenen und alten Menschen.
Einstellungen, Verhalten, Denken, Wahrnehmung über die Sinne und Motivation sind weitere Stichworte. Ich empfinde das Studium als sehr breit, was es für mich so spannend macht.
Bereits während des Studiums werden die Studierenden als Psychologinnen und Psychologen bezeichnet. Der Titel ist in der Schweiz derzeit nicht geschützt. Es ist also grundsätzlich möglich, bereits während oder nach dem Studium eine Praxis aufzumachen und Beratungen anzubieten. Während des Studiums lernen die Studierenden tatsächlich viel über psychische Erkrankungen, was körperlich abläuft, wie sie entstehen, wie sie sich auswirken, jedoch NICHT, wie sie konkret zu behandeln sind.
Die Therapeutenausbildung
Nach dem erfolgreichen Abschluss des Studiums sind die frischgebackenen Master of Science in Psychologie berechtigt, eine Therapeutenausbildung zu machen.
(Ich bin nicht auf dem aktuellen Stand, darum sind die folgenden Angaben ohne Gewähr.)
Die Ausbildung dauert drei bis vier Jahre und findet berufsbegleitend statt, wobei mindestens 60% gearbeitet werden muss, ein Jahr davon in einer Psychiatrischen Einrichtung. Ziel der Ausbildung ist es, Klienten/Patienten bei ihren psychischen Problemen zu helfen. Dazu werden die entsprechenden Methoden (je nach Schule) vermittelt. Teil der Ausbildung ist auch eine Selbsterfahrung, also der Besuch von Therapiestunden. Die werden übrigens nicht von der Krankenkasse bezahlt.
Es gibt verschiedene Ausbildungmodelle, in der Schweiz sind die folgenden anerkannt: Psychoanalyse, kognitive Verhaltenstherapie und systemische Therapie.
Das bekannte Bild vom Klienten auf der Couch und dem dahinter sitzenden Therapeuten bezieht sich auf die Psychoanalyse. Das Ziel ist salopp gesagt: Erkenne dich selbst. Durch freies Assoziieren (der Patient erzählt, was ihm gerade in den Sinn kommt) und der Deutung durch den Analytiker sollen unbewusste Ursachen für ein Verhalten oder Leiden aufgedeckt werden.
Wer unter einer Depression oder Angstattacken leidet, ist bei einem Psychoanalytiker in der Regel am falschen Ort. Eine (kognitive) Verhaltenstherapie ist hier die bessere Wahl. (Dies weiss ich durch meine eigene Erfahrung und Kommentare von Mitgliedern einer Selbsthilfegruppe für Depressive) Der Begriff “Kognition” bezieht sich darauf, dass konkrete Verhaltensweisen erarbeitet werden, wie sich der Klient in zum Beispiel angstauslösenden Situationen verhalten soll. Sehr vereinfacht gesagt bedeutet Kognition, durch Denken zu einer Lösung zu kommen.
Die systemische Therapie unterscheidet sich von den anderen zwei insofern, dass Menschen als Teile von Systemen und persönliche Probleme als Störung im System betrachtet werden. Eine wichtige Rolle in diesem Ansatz spielen die Ressourcen (Fähigkeiten). Jeder Mensch, egal in welcher Lage oder in welchem Alter, verfügt über Ressourcen, mit denen er Probleme lösen kann. Leider weiss ich bisher nicht, wie diese Theorien konkret in der Therapie umgesetzt werden.
Was ist der Unterschied zwischen Psychiater und Psychologe?
Ja, es gibt tatsächlich einen Unterschied.
Psychiater: Hat ein medizinisches Studium absolviert, ist also ein Arzt und somit berechtigt, Medikamente (z.B. Antidepressiva) zu verschreiben. Deshalb können die Stunden bei ihm auch über die Grundversicherung abgerechnet werden.
Psychologe: Hat Psychologie studiert. Seine Stunden können bei der Krankenkasse nur über eine entsprechende Zusatzversicherung abgerechnet werden.
Delegierter Psychologe: Er ist bei einem Psychiater “angestellt”. In der Regel bilden Psychiater und Psychologen eine Gemeinschaftspraxis. Dies hat den Vorteil, dass die Stunden über die Grundversicherung abgerechnet werden können und sichergestellt ist, dass der Klient im Bedarfsfall Medikamente verschrieben bekommt.
Beide, Psychiater und Psychologe, haben die gleiche Ausbildung hinter sich. Kennt man den Background nicht, ist man also mit dem Begriff “Therapeut” bzw. “Psychotherapeut” auf der sicheren Seite.
Grundsätzlich kann man sich merken: -loge = Fachmann, Wissenschaftler; -iater = Arzt.
(via Langenscheidt Arzt-Deutsch/Deutsch-Arzt von Eckart von Hirschhausen)
Ein paar Irrglauben im Zusammenhang mit Antidepressiva:
Antidepressiva machen glücklich
Schön wärs. Im besten Fall stabilisiert ein Antidepressivum den Depressiven soweit, dass er einem einfachen Tagesablauf nachgehen und eine Therapie machen kann. Im allerbesten Fall verhindert es einen Suizid (Selbstmord). Im schlechtesten Fall wird es nicht vertragen und ein anderes Medikament muss ausprobiert werden. Leider beginnt die Wirkung erst nach ca. 2-4 Wochen der regelmässigen Einnahme.
Heute verteufeln viele Menschen die westliche Medizin und ihre Medikament. Tatsächlich hat regelmässiges Joggen während einer Depression den gleichen Effekt wie ein gut wirkendes, modernes Antidepressiva (Quelle: Die neue Medizin der Emotionen: Stress, Angst, Depression: Gesund werden ohne Medikamente von David Servan-Schreiber; Hier folgt noch der Hinweis auf die entsprechende Studie). Leider ist ein wichtiges Symptom der Depression die Antriebshemmung. Antidepressiva ermöglichen es den Betroffenen, wieder soweit auf die Beine zu kommen, um aktiv gegen ihre Depression anzugehen, sei das durch eine Therapie oder andere Methoden.
Antidepressiva machen süchtig
Falsch. Antidepressiva machen “nur” körperlich abhängig. Im Gegensatz zur Sucht ist keine stetige Erhöhung der Dosis notwendig. Wird das Medikament jedoch von einem Tag auf den anderen abgesetzt, kommt es tatsächlich zu Entzugserscheinungen, weswegen es ausgeschlichten werden muss.
Eine Suchtgefahr besteht bei den Benzodiazepine (kurz Benzos), angstlösende und sedierende Medikamente Medikamente. Sie werden manchmal als Schlafmittel oder gegen Angstattacken eingesetzt und sollten sparsam eingenommen werden. Aber auch hier gilt: Ist jemand darauf angewiesen, sollte er sie auch nehmen. Es ist besser, von Benzos abhängig zu sein, als sich selbst umzubringen. (Zitat eines Arztes.)
Ein paar Links:
Wikipedia: Verhaltenstherapie
http://de.wikipedia.org/wiki/Verhaltenstherapie
Wikipedia: Psychoanalyse
http://de.wikipedia.org/wiki/Psychoanalyse
Wikipedia: Systemische Therapie
http://de.wikipedia.org/wiki/Systemische_Therapie
Föderation Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP)
Grösster Berufsverband der PsychotherapeutInnen und PsychologInnen der Schweiz
http://www.psychologie.ch
Übersicht über die Struktur der psychologischen Aus-, Weiter- und Fortbildung
http://www.psychologie.ch/…
Die verschiedenen von FSP anerkannten Therapeuten-Ausbildungen (inkl. Links zu den entsprechenden Anbietern)
http://www.psychologie.ch/…
Grundsätzliches zum FSP-Fachtitel in Psychotherapie
http://www.psychologie.ch…
Wikipedia: Antidepressiva
http://de.wikipedia.org/wiki/Antidepressiva
Benzodiazepine
http://de.wikipedia.org/wiki/Benzodiazepine