Meine Schwester, von Beruf Polygrafin, hat mal erwähnt, dass sie die Texte ihrer Kunden immer durchliesst. Zum einen prüft sie sie auf Rechtschreibefehler, zum anderen interessiert sie der Inhalt. (Sie hat so zum Beispiel gelernt, wie man Oldtimer im Winter richtig lagert.)
Ich war damals sehr erstaunt, weil ich das selten mache. Ich korrigiere höchstens, wenn mal wieder ein Leerzeichen zuviel vor oder nach einem Komma, / oder was auch immer ist.
Bei meinen Studienkolleginnen bin ich dafür bekannt, in einem Buch oder Skript sehr schnell die gewünschte Information zu finden. Das hängt damit zusammen, dass ich Texte oft querlese. Ich suche mir die mich interessierenden Sichtwörter raus und beginne erst dann den entsprechenden Abschnitt zu lesen. Das hat zur Folge, dass ich in der Regel die wichtigen Punkte von etwas weiss, aber nicht sonderlich viel über das “Beigemüse” erzählen kann. Beispiel Wikipedia.
Das fehlende Wissen über die Details hat mich bisher immer gestört. Gerade bin ich dabei, die Vorlesungsnotizen von A. der Mitstudentin in meine Folienausdrucke zu übertragen. Dabei scanne ich die Seite, ob sie Notizen gemacht hat, und übertrage sie dann in meine Folien. Ich lese dabei nur die Notizen, ignoriere den restlichen Inhalt komplett. Was eigentlich doof ist, weil ich so eine weitere Möglichkeit verpasse, mich mit dem Stoff auseinander zu setzen. Andererseits ist es sehr zeitraubend, die Seiten nochmal durchzulesen, und ich möchte im Moment einfach den Ordner vervollständigen, um nächste Woche mit dem Lernen beginnen zu können.
Bisher empfand ich mich immer als… oberflächlich und schluderig wegen dieses Stils. Bis ich in der Gerontopsychologie-Pflichtlektüre etwas interessantes las. Das alte Leute aufgrund des körperlichen Verfalls immer eingeschränkter werden, muss ich glaub nicht gross erklären. Dieser Abbau findet im ganzen Körper statt, das Gehirn wird also – vereinfacht gesagt – ebenfalls langsamer. Nun hat man ein Experiment gemacht, in dem junge und alte Leute einen Tagesablauf planen mussten. Sie mussten verschiedene Aufgaben erfüllen (Freund im Krankenhaus besuchen, ins Kino, Geld fürs Kino abheben, Buch kaufen für kranken Freund, Essen einkaufen…). Zusätzlich bekamen sie eine Stadtkarte, wo alle notwendigen Gebäude, die Distanzen dazwischen etc. eingezeichnet waren. Schliesslich gabs noch ein Blatt mit diversen relevanten und irrelevanten Informationen.
Bei dem Experiment kam heraus, dass alte Menschen und junge Menschen gleich gut bei der Bewältigung abschnitten. Wieso das? Die alten Menschen waren zwar nicht mehr so schnell mit denken, hatten aber Strategien, um dies auszugleichen: Sie konnten sich einfach viel besser auf die relevanten Informationen konzentrieren und blendeten die irrelevanten aus.
Das ist übrigens etwas, was schon bei der Entwicklung im Kindesalter eine wichtige Rolle spielt. Wir müssen lernen, uns auf das Wichtige zu konzentrieren, während wir innere und äussere Ablenkungen unterdrücken (Gedanken, Lärm von draussen etc.).
Fazit: Meine Konzentration auf das Wesentliche mag zwar einen Verlust von vielen Nebeninformationen zur Folge haben, ist aber auch eine Qualität, die mir in vielen Situationen Zeit erspart. Und hoffentlich im hohen Alter noch nützt
28. Mai 2008 | Kategorie:
me,
studium