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19.08.2003
anna back from hell
Ich bin wieder da. Und nach einem strengen Wochenanfang auch wieder fähig, endlich alles aufzuschreiben.
Am 11. August hatte ich ja meine Knochentransplantation. Am 8. ging ich bei meinem Zahnarzt vorbei, Medikamente holen. Dachte ich zumindest. Weil es im Dorf einen Rohrbruch gegeben hatte, war ich gezwungen, meine Zähne mit Mineralwasser zu putzen. Dementsprechend viel die Aktion nicht sonderlich gründlich aus, was ja auch nicht nötig wäre. Dachte ich. Mein Zahnarzt reinigte mir dann gründlich die Zähne, inkl. schmerzhafter Ultraschall-Säuberung. Das Ding pfeift in einer Höhe, schlimmer als jeder Bohrer. Und brennt ab und zu an den Zahnrändern. Nach Ende der Behandlung war ich um ein Trauma reicher.
Mein Zahnarzt erklärte mir dann, welche Prozedur mich am Montag erwarten würde. Blut abnehmen. Knochen aus dem Kiefer sägen. Zurechtschleifen. Vorne anschrauben. Mit Blut-Knochenspänegemisch abdichten. Membran drüber, mit Nägeln befestigen. Zahnfleisch leicht einschneiden und wieder drübernähen. Am Besten eine Woche Ferien nehmen.
Im Nachhinein wundere ich mich über meine fehlende Fantasie in diesem Fall. Ich hatte den ganzen Eingriff einfach verdrängt. Verbrachte einen wunderschönen Samstagabend mit zwei guten Freunden. Erst war ich mit komA im Bodensee schwimmen. Natürlich begrüsste mich ein toter Aal. Die sterben momentan leider massenhaft, weil sich eine rote Alge durch die Hitze stark vermehrt. So wurde es mir zumindest erklärt. Wir paddelten mit dem Riesensurfbrett weiter raus. (Ich hatte am nächsten Tag einen phänomenalen Muskelkater in Schultern und Bauchmuskeln!) Draussen war es dann, was wir 'bisiwarm' nenne, als das Wasser war fast wo warm wie Pipi. Ausser an den Fussspitzen, da wirbelten ein paar kalte Ströme. Abends gab es ein superfeines Grillessen. Und wir haben uns endlos lange unterhalten. Es war wunderbar!
Montag morgen: Ich verdrücke ein Brot. Meine Schwester fährt mich zum Zahnarzt. Der ist froh zu hören, dass sie mich auch wieder abholen wird. Er gibt mir Betäubungsspritzen, sticht ca. 5 mal vorne und 4 bis 6 mal im Kiefer, dort wo mein Weisheitszahn war. Da fängt es schon an. Ich hab irgendwie ein Problem mit Spritzen. Es ist nicht so, dass ich Angst vor ihnen hätte. Ich weiss ja, es sticht nur kurz, dann ist gut. Aber nach dem letzten Stich zitterte ich wie Espenlaub, konnte nicht mehr aufhören. Man gewährte mir eine viertelstündige Pause. Die Zahnarztgehilfin versuchte, mich aufzumuntern mit Geschichten über ihre Blinddarmoperation(!).
Anschliessend versuchte der Zahnarzt, mir Blut ab zu nehmen. Versuchte. Wie bei der Blutspende am Mittwoch kam kaum was raus. Endlich hatte er genug. Ich sah nicht hin, besser so.
Dann musste ich das Zimmer wechseln. Der Zahnarzt hüllte sich in Operationskleidung, wie man sie aus dem Fernsehen kennt: Grüner Kittel, Kappe, Mundschutz, sterile Handschuhe. Das gab mir dann doch zu denken.... Ich sass auf dem Stuhl. Sie deckten mich mit einer grünen Operationsdecke zu. Mit einer kleineren Ausgabe mit Loch in der Mitte wurde mein Gesicht abgedeckt. Dann wurde noch alles bis auf den Mund und die Nase mit einer selbstklebenden Folie abgedeckt. Und mein Märtyrium begann.
Ich hatte eigentlich keine Schmerzen während er im Kiefer bohrte. Bis auf dieses verdammte Besteck, dass wohl meine Backe von der Schleifstelle wegdrücken sollte. Ich hatte ernsthaft Angst, es würde mir den Kiefer brechen. Das Schleifen ging ewig. Irgendwann war er endlich fertig.
Das Bohren war grässlich. Stellt euch vor, jemand schraubt eine Schraube in euch rein! Ich erwähne jetzt nicht, dass mir das nochmal bevorsteht, wenn nämlich die Schraube für das Implantat eingeschraubt wird. Daran hab ich gedacht und mir gesagt: "Kann ja nicht so schlimm sein. Bald ist es vorbei!" Denkste.
Der Zahnarzt legte ein Membran über die Stelle. Kleiner Einschub, von dem allem hab ich nichts gesehen, meine Augen waren abgedeckt. Er legte also das Membran auf... und befestigte es mit Nägeln. Betet, nein, BETET, dass euch nie ein Nagel in den Kiefer geschlagen wird! Scheissegal wie klein das Ding war. Ich dachte, jetzt bricht er mir den Knochen! Die Schläge spürte ich durch den ganzen Schädel. Es war furchbar...
Endlich fertig? Nein. Das Membran musste noch gekürzt werden. Es klang jedesmal, als würde jemand eine gespannte Saite zerschneiden. Dann wurde endlich das Zahnfleisch zurückgeklappt und angenäht. Zu meiner Verwunderung kündigte er an, noch 20 Minuten zu brauchen. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt schon fast nicht mehr. Ich lag immerhin schon 3 Stunden auf diesem Stuhl. Mein Hinterkopf tat weh vom auflegen des Kopfes, den ich immer wieder schwer gegen die Lehne drückte. Mir war furchbar warm. Die Folie löste sich von meinem Gesicht. Ich war schweissgebadet und konnte fast nicht mehr. Zählte die Lieder mit, rechnete mir aus, jedes Lied 3 Minuten, 6x3=18 Minuten, noch 5 Lieder, noch 4, noch 3... was zum Teufel macht er da? Der Zahnarzt setzte Nähte überall im Zahnfleisch, vom einen Reisszahn bis zum anderen. Betroffen war allerdings nur die Region über dem linken Schneidezahn. Scheissegal.
Endlich war es wirklich vorbei. Sie lösten die Folie, die Tücher wurden weggenommen. Ich sass auf meinem Stuhl und fühlte mich... erschöpft. Unglaublich erschöpft. Irgendwann musste ich wieder das Zimmer wechseln. Mir wurden Kühlpacks in die Hand gedrückt. Eines blutete ich voll. Also nicht so richtig, es war wohl noch etwas mit Blut vermischter Speichel an meiner Lippe. Meine Schwester holte mich nach Hause. Dort musste ich in den Gartenstuhl sitzen. Kühlte meine Lippe und meinen Unterkiefer. Guckte lange Fernsehn. Versuchte im Stuhl zu schlafen. Sitzen war wichtig, damit nicht zu viel Blut in den Kopf stieg.
Die nächsten Tage bestanden aus Joghurt, das ich schon am zweiten Tag nicht mehr sehen konnte. Kartoffelstock. Endlose Stunden vor dem Fernseher. Und viel Schlaf. Meine Katze Felis leistete mir dabei lieberweise Gesellschaft. Sie lag fast Tag und Nacht mit mir im Bett. Wenn ich mich drehte stand sie nur kurz auf, suchte sich ein neues Plätzchen und schlief wieder weiter. Man kann von Tieren im Bett halten was man will, ich finde Felis' Nähe tröstlich. Vor allem in meiner Situation.
Mein Gesicht schwoll nach der OP koninuierlich an. Unter den Augen haben wir doch so kleine feine Falten. Bis dahin schwoll mein Gesicht. Am Dienstag begann sich unter meinem rechten Auge ein Bluterguss abzuzeichnen. Am Mittwoch sah ich aus, als wäre ich schwer verprügelt worden: Lippe ungleichmässig und geschwollen. Gesicht vollkommen angeschwollen. Rechtes Auge stark, linkes kaum schwächer unterlaufen. Oberlieder beider Augen rot. Mein Zahnarzt erklärte mir bei der Kontrolle, das sei wohl der Höhepunkt. Und das sei normal bei Eingriffen in der Region knapp unter der Nase. Endlich wird mir klar, wieso die Frauen auf den Fotos nach einer Nasenoperation immer blutunterlaufene Augen haben. Ich hab mich immer gewundert...
Mein Zahnarzt schrieb mich noch bis Ende Woche krank. Ich hatte ja damit gerechnet, spätestens am Mittwoch wieder Arbeiten zu können *lach über meine Naivität*. Die Pause war auch dringend nötig. Ich verbrachte meine Tage damit, fern zu sehen und zu schlafen. Nach zwei Stunden war ich jeweils wieder so müde, dass ich 3 Stunden schlafen musste. Die Medikamente. Der Zahnarzt hatte mich noch gefragt, ob ich bereit währe, weiterhin das Antibiotikum zu nehmen. Ehrlich gesagt war ich nicht sonderlich entzückt, mit jedem Tag stieg das Risiko, einen Pilz einzufangen. Andererseits will ich unter keinen Umständen eine Infektion riskieren. Erst kam mir seine Frage etwas komisch vor. Dann fiel mir ein, dass ja viele Frauen in meinem Alter auf dem 'nur alles natürlich'-Trip sind. Ehrlich, ich halte nichts davon. So ein paar Medikamente können mir kaum schaden, im Gegenteil. Und wenn ich Kopfweh habe, will ich den Schmerz weghaben, dann habe ich keine Lust auf Wärmeflasche und Kräutertee. Aber jedem das seine.
Montag war dann die letzte Visite. Der Zahnarzt hat die meisten Fäden gezogen. Und mich in die Arbeitswelt zurückentlassen. Nur meine Zahnprothese, die durfte ich noch nicht mitnehmen. Und wisst ihr was: Das hat mich nicht sonderlich gestört. Ich laufe jetzt halt mit einer auffälligen Zahnlücke rum. Na und? Natürlich musste ich ein paar Sprüche über mich ergehen lassen im Büro, aber über die konnte ich selber lachen.
Ach ja, am Montag war es sowieso richtig cool bei der Arbeit. Einer meiner Mitarbeiter ist nur jeweils Montags im Büro, die andern Tage beim Kunden. Wir waren 4 junge Leute, sassen beim Mittagessen, alberten herum. Es hat mir richtig supergut gefallen. Sonst war ich immer mit Leuten zusammen, die knapp meine Eltern sein könnten. Schön, dass es mal anders ist.
Ja, das war der Bericht. Ich hoffe, damit kann ich das Kapitel 'Knochentransplantation' abschliessen. Hat mir wirklich auf der Seele gebrannt. Mittlerweilen gehts mir wieder gut. Der aufgeschnittene Gaumen ist noch nicht wirklich verheilt, der Rest juckt manchmal etwas, ansonsten alles paletti. Sind also keine Beileids-Schreiben notwendig ;-)
Viele Grüsse von euer Einzahn-Anna
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